15.7.2026
Schafe als Therapeutinnen: Der Kontakt mit diesen sanften Tieren hilft im Kampf gegen Suchterkrankungen
Eine deutsche Pilotstudie untersuchte tiergestützte Therapie mit Schafen als Ergänzung zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Substanzgebrauchsstörungen. Eine einzelne Bauernhof-Sitzung steigerte bei Patienten positive Emotionen, Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit, während negative Gefühle abnahmen. Trotz begrenzter Aussagekraft deuten die Ergebnisse auf ein kostengünstiges, vielversprechendes Zusatzangebot hin.

Stell dir eine Szene auf einem idyllischen Bauernhof vor: Eine Gruppe von Menschen, die mit einer Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen kämpfen, spaziert in Begleitung von Schafen über eine grüne Wiese. Diese Tiere, bekannt für ihr sanftes Wesen und ihren Herdentrieb, nähern sich schüchtern und suchen Kontakt. Das ist kein gewöhnlicher Spaziergang – es ist Teil einer innovativen Therapie, die traditionelle Psychologie mit der Magie der Interaktion zwischen Mensch und Tier verbindet. In der heutigen Welt, in der Substanzgebrauchsstörungen (SUDs) Millionen von Menschen betreffen und selbst nach einer Standardtherapie in 40–60 % der Fälle Rückfälle verursachen, suchen Wissenschaftler nach neuen Wegen, die Behandlung zu stärken. Einer davon ist die tiergestützte Intervention (AAI), konkret: die Therapie mit Schafen. Eine von deutschen Forschern durchgeführte Pilotstudie zeigt, dass ein solcher Kontakt positive Emotionen, Achtsamkeit und das Gefühl der Selbstwirksamkeit bei Patienten mit Suchterkrankungen erheblich verbessern kann.

Substanzgebrauchsstörungen sind ein globales Gesundheitsproblem, das häufig mit Trauma, Stress und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation verbunden ist. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betreffen SUDs vor allem Alkohol, Opioide oder Cannabinoide, wobei Männer sogar doppelt so stark gefährdet sind wie Frauen. Die traditionelle kognitive Verhaltenstherapie (CBT) hilft dabei, Suchtgewohnheiten zu durchbrechen, indem sie den Umgang mit Auslösern vermittelt, lässt aber häufig zentrale Elemente außer Acht: die Normalisierung negativer Emotionen und den Aufbau positiver Erfahrungen. Hier kommen Tiere ins Spiel. Schafe eignen sich als Herdentiere, die sensibel und ruhig sind, ideal für eine solche Rolle. Der Kontakt mit ihnen erfordert Achtsamkeit – man muss ihren Raum respektieren, Signale beobachten und dem Tier die Initiative überlassen. Das lehrt Patienten, im „Hier und Jetzt“ zu sein, ohne zu urteilen – und genau das ist die Essenz von Mindfulness.

In der 2024 in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry veröffentlichten Pilotstudie untersuchte ein Team unter der Leitung von Petra Schmid den Einfluss einer einzelnen AAI-Sitzung mit Schafen auf eine Gruppe von 36 Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses in Deutschland. Die Teilnehmer, überwiegend im mittleren Alter, litten an SUDs, häufig in Verbindung mit Depressionen, Angststörungen oder Traumata. Die Experimentalgruppe (AAI) nahm an einer fünfstündigen Sitzung auf dem Bauernhof „Prinzenhof“ teil, wo sie unter Aufsicht zertifizierter Fachkräfte Interaktionen mit Schafen beobachtete, die Tiere fütterte, sie an der Leine führte und ohne Leine mit ihnen spazieren ging. All dies geschah im Rahmen eines speziellen Protokolls, das das Wohlergehen der Tiere betonte – die Schafe hatten eine „Schutzzone“, in die sie sich jederzeit zurückziehen konnten. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich die Standardtherapie (TAU).

Die Ergebnisse waren vielversprechend. Eine Woche nach der Intervention verzeichneten die Patienten der AAI-Gruppe eine deutliche Verbesserung positiver Emotionen (gemessen mit der STAI-S-Skala) mit einem Effekt mittlerer Größe. Darüber hinaus stiegen auch ihr Achtsamkeitsniveau (FMI) und ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit (SWE) – diese Effekte waren statistisch signifikant, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, in der die Veränderungen minimal waren. Die stärksten Effekte wurden unmittelbar nach der Sitzung beobachtet: Positive Emotionen nahmen mit einem großen Effekt zu, während negative abnahmen. Die qualitative Analyse der Aussagen der Teilnehmer zeigte, warum dies funktioniert – sie sprachen von „Freude an der Nähe“, „Ruhe in der Natur“ und „Verringerung des Grübelns“. Die Schafe halfen ihnen, Vertrauen und Kompetenz zu erleben, was in der Behandlung von Suchterkrankungen entscheidend ist, da sich Patienten häufig hilflos fühlen.

Warum Schafe? Diese Tiere verlangen – im Gegensatz zu Hunden oder Pferden – Sanftheit und Geduld, was Achtsamkeit auf natürliche Weise fördert. Die Studie fügt sich in den breiteren Ansatz „One Health“ ein, der die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt miteinander verbindet. Obwohl es sich nur um eine Pilotstudie handelt – ohne Randomisierung und mit kurzer Beobachtungszeit –, deutet sie darauf hin, dass AAI eine kostengünstige (ca. 200 Euro pro Gruppe) Ergänzung zur CBT sein kann. Die Effekte lassen nach einer Woche nach, was auf die Notwendigkeit hinweist, die Sitzungen zu wiederholen oder sie in die tägliche Praxis zu integrieren, z. B. durch Vorstellungsübungen. Wer weiß, vielleicht wird die Therapie mit Schafen schon bald zum Standard im Kampf gegen Süchte?

Nach: Schmid, P., Nauss, C., Jauch-Ederer, C., Prinz, P., Tschöke, S., & Uhlmann, C. (2024). Can sheep help to improve positive emotions, mindfulness, and self-efficacy expectancy? A pilot study of animal-assisted intervention as an enhanced CBT-based therapy for substance use disorders. Frontiers in Psychiatry, 15, Article 1432679. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1432679

Quelle / Grundlage
https://onehealth.com.pl/owce-jako-terapeutki-kontakt-z-tymi-lagodnymi-zwierzetami-pomaga-w-walce-z-uzaleznieniami/
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